Who's Bad, what's Bonn?

Hell of a Kilbi! Neue Fragen zum altbewährten Festival, das BesucherInnen zu besseren Menschen macht.
Auch dass ist Kilbi: OGOYA NENGO & THE DODO WOMEN'S GROUP. Fotos: TLF/ Kesti

Zum ersten mal in einer langen Festivalkarriere habe ich 3 aufeinanderfolgende, strenge Tage Bad Bonn Kilbi miterleben dürfen. Dabei wollte ich gleich der Sache auf den Grund gehen und habe Mastermind «Duex» zum Interview gebeten:
Wer ist das Badass hinter Booking und Organisation?

Jeder Musikliebhaber dürfte mittlerweile wissen, wo (zur Hölle) Bad Bonn ist und dass im kleinen Club mit dem grossen Namen nicht nur während der Chilbi feinste Musik zu entdecken wäre...

Die Musik sorgt zuverlässig für warme Herzen oder gar heisse Köpfe, ähnlich dem Burning Skull hier. Doch wenn's einem trotz allem mal kalt werden sollte, kann man sich jederzeit mit tanzen im Klub aufwärmen oder die Atmosphäre um's Feuer geniessen.

Einzig-Artig

Daniel «Duex» Fontana, der seit über einem viertel Jahrhundert sein unkonventionelles Booking mutig durchzieht, verrät uns einige seiner Tricks und Ziele, relativiert aber auch seinen Erfolg.

Über's Thema, dass jeweils die Tickets des momentan «hippsten» Schweizer Festivals innert weniger Minuten ausverkauft sind, mag er nicht sprechen. Dies war auch nicht immer so, erst seit ca. fünf, sechs Jahren hat sich diese Situation eingestellt. Die Organisatoren bieten bereits Lösungen an, welche gleich zwei Fliegen auf einen Streich erledigen dürften: So kann man sich mit einer Mitgliedschaft beim Tonverein Bad Bonn eine Art «Jahresabo» erstehen – mit speziellen Vorkaufsrechten und Ermässigung oder «Freie Fahrt» in sämtliche Konzerte. Diese sind nämlich im Klub sehr unterschiedlich gut besucht, obschon es da gleichermassen Perlen zu entdecken gibt, welche sonst kaum gebucht werden von andern VeranstalerInnen im Lande.

Es ist eindrücklich zu sehen, wie Duex seinem hölleguete Kredo folgt, allen Menschen – ob grosse KünstlerInnen, einfache BesucherInnen oder einem Hobbyreporter wie mir – mit genau demselben Respekt zu begegnen und geduldig Red und Antwort zu stehen.

Doch wirkliche Rockstars, die sich demenstprechend feiern lassen müssen, sucht man in Düdingen eh vergebens. Auch wenn weitgereiste oder in Kennerkreisen bestens bekannte und begnadete MusikerInnen auftreten, so tun sie dies in der Regel bescheiden – wenn auch mit geballter Energie und potenziell zerstörerischer Wucht. Sie mischen sich nicht selten unters Volk, denn z.B. VIP-Lounges oder ähnliches gibt es im Festivalgelände auch keine.

Duex ist happy, wenn BesucherInnen wie andere Menschen rausgehen, als wenn sie gekommen sind. Bei mir hat er dies an jedem einzelnen Konzerttag geschafft, die Stimmung war durchs Band weg angenehm, wenn auch teils verwirrend:

Man taucht in so viele, verschieden Welten ein mittels unterschiedlichster musikalischer Darbietungen – eine kleine Weltreise auf einer einzigartigen Insel im eigenen Land!"

Donnerstag: Töne und Geräusche aus diversen Kontinenten

Angefangen hat das Ganze mit so im Programm angekündigtem «Wichser Rock» oder auch «Olma Thrash» – assi Lieder aus dem Norden unseres Landes; obschon Knöppel a.k.a. Jack Stoiker in seinem entsprechenden Dialekt auch schon schier soziale Shopping-Kritik zum Besten gab. Hässiger Start, bald gefolgt auf derselben kleinen Bühne im Klub von der beinahe local Band aus Fribourg, den sportlich schnellen Surf'n'Rollern Papaya Fuzz.

In eine ganz andere Welt konnte man mit afrikanischen Klängen von bunt angezogenen Menschen tauchen oder japanischen Noise-Experimenten, die entgegen ihrem namen alles andere als Boredoms waren – sondern etwas noch nie vorher annähernd so Gehörtes.
Julia Holter brachte uns zwischenzeitlich fast wieder in die Realität zurück, wenn auch oft mit verträumten bis abgespaceten Songs...
Ty Segall vermochte uns mit seinen Muggers dann aber unanständig wachzurütteln – powerful as fuck!

Ach was hilft schon lange erklären, wenn viele der Acts kaum fassbar werden, ohne sie gesehen zu haben? Es ist ein Festival, wo man – selbst als eigentlicher Musikliebhaber – kaum eine der angekündigten Bands kennt:
Man geht nicht an die Kilbi, um Hits mitzugröhlen, sondern um Neues zu entdecken und bestaunen!
Duex betont, es sei eben kein Wunschkonzert hier: Die Gäste kriegen nicht das, was sie wollen, weil sie's kennen, sondern werden hier mit Geheimtipps beglückt.

Ich habe jeweils zu jedem Tag eine kleine Gallery erstellt mit Schnapschüssen aus dem Publikum, welche den Erlebnisbericht ergänzen sollen. Dabei repräsentieren die spontanen Bilder keine Wertung – wie Qualität – des Gesehenen, sind einfach entstanden wenn der Moment, oder das Licht mehr oder weniger gepasst hat.

Freitag: Mit Hippies am See und dicken weissen Kids unter einer Decke

So aufwändig und beeindruckend intensive Lichtshows und dröhnende Boxen auch sein mögen, so emotional fesselnd sind auch Gigs der andern Art:

Am zweiten Tag haben uns La Tène – ein Trio aus der Romandie – mit altertümlichen Instrumenten und repetitiven Melodien in Zeitlose Trance versetzen können als gelungener Auftakt. Wer sich dann später mal vom Festivalgelände an den nahegelegenen, frischen Schiffenensee runter begeben hat, erlebte auf berührende Art, wie simpel und doch vielaussagend leise Akkustische Musik wieder sein kann – auch nach noch so lauten und energiegeladenen Acts wie Sauna Youth. Manchmal haben Ukulelen, vielleicht noch ergänzt durch eine Geige und gelungene Lyrics – gesungen von ein bis -zig Stimmen (Band und Gäste) –, doch mehr Durchschlagkraft bis tief in Herz und Seele rein...

Anyway, oben gings auf der B-Stage dann weiter mit gelungenen Namen wie Pissed Jeans und Fat White Family. Letztere haben es glaub wirklich geschafft, auch die Hinterste und den letzten Zuhörer, resp. deren Knie in Schwingung zu bringen! Weiss nicht, wie das passieren konnte, doch irgendwie habe ich da ein recht wildes Punkkonzert in Erinnerung – wohl dank der Performance des Sängers und dem dreckigen Live-Sound – obschon auf den Alben und in' Vids die Musik meist nicht grad roh und wütend rüber kommt; äusserst spannende Werke.

What else?
Vielleicht noch zu erwähnen, dass uns Floating Points beehrt haben – sonst eigentlich solo, doch hier mit kreativer Band unterwegs – um der Vielfalt des Festivals halbwegs gerecht zu werden.
Doch um diese realisieren – und sauviele gute neu Bands kennen zu lernen(!) – empfehle ich am besten mal selbst noch in sämtliche musikalischen Teaser reinzuhören! Dies zahlt sich (aus persönlicher Erfahrung früherer Chilbine) oft aus, da man nicht oft im Jahr zu so fein auserlesenen "Playlists" gelangt, wie beim Kilbi-Programm.

Samstag: Von One-Man-Shows über freaky Jazz bis UK Ladies Rock

Und wieder wurden die Leute belohnt, welche sich schon früh für den ersten Act des Tages eingereiht haben: Eine Gitarre, ein Computer (Loopstation), ein Mann. Diese Kombo könnte wohl sämtliche Geräusche von «Knight Rider» imitieren, spielt uns aber auch eher klassische, wunderschöne Melodien, was KITT und Michael Knight – geschweige denn Hasselhoff – glaub nicht können. Manuel Troller verlor kein einziges Wort, liess allein seine Klänge sprechen, welche zwischenzeitlich als Gewitter den folgenden Regen ankünden sollten.

Metz knüpfte mit einer klassischen Drum-Git.-Bass-Kombo an und verwöhnte sein verblüfftes Publikum mit einer guten Portion Post-Hardcore – wozu man sich gerne pünktlich um 4 das (für viele) erste Bier gönnen mochte.

Für diejenigen, welche sich später kurz im Klub (Haus) trocknen lassen wollten, doppelte dort Sister Iodine nach mit Kraftvollen, doch wieder eher Experimentellen Gitarrenklängen. Die Franzosen brachten uns dafür aber ins Schwitzen – also eher feucht-fröhlich als trocken...

Ein Ohrenschmaus, in die strapazierten Gehörgänge gehaucht, bot Kamasi Washington, der mit seiner bezaubernden Frau und dem entzückenden Dad auf der Bühne stand:
Jazz in vielen seiner Facetten forderte das Rhythmusgefühl der ZuschauerInnen heraus, während es für die Musiker offensichtlich ganz selbstverständlich war, unkonventionelle Beats virtuos auf ihren (Blas-)Instrumenten zu performen.

Als letzten Leckerbissen möchte ich noch die Englische Frauenband Savages erwähnen, welche ihrem Geschlecht wohl vor allem eines eintrichtern konnten: Mädels auf die Bühne (Garage oder gar Keller – Übungsraum gemeint – tönt nicht richtig)!
So safe, so gut in ihrem Handwerk, so überzeugende Stimmen; das konnte nicht nur Männer begeistern.

Hellyeah

Soweit mein – natürlich sehr subjektiver – Rückblick auf die wunderbare, grossartige Kilbi, an welche sich wohl andere BesucherInnen mit andern, persönlichen Highlights erinnern.
Das Angebot ist immer wieder gewaltig und, um dies eben auch nochmal explizit zu erwähnen, das ganze Jahr über sehr imposant. Klickt euch ab und zu mal durchs exquisite Programm oder verfolgt automatisch, was im düdinger Niemandsland so läuft – es lohnt sich, schon rein der grundsätzlichen Inspiration wegen – auch wenn ihr nicht grad um's Eck wohnt.

Gute Menschen sind wichtiger als ihre Kleider. Sind wir einfach ein bisschen anständig. Auch zu denen die noch nicht hier sind. Viel Spass im Miteinander- tal und herzlichen Dank für das Interesse."— Daniel Fontana, Tonverein Bad Bonn
Hipsterfestival?

Mit Nichten!
Schon rein die Präsenzzeit der BesucherInnen bei abgefahrenen Shows und gewagten Soundexperimenten beweist deren tiefes Interesse – man zeigt Geduld und Ruhe beim Reinfühlen in Neues, statt sich kurz zu zeigen und dann nur wichtig zu schwätzen. Progressivere Musik zieht einfach Menschen auch (wortwörtlich) progressiv an – so sieht man aktuellere, aber auch banale Kleidungsstile; und solche, aus einer andern Zeit.
«Dieses Festival ist nicht gemacht für Menschen, die zwölf Stunden am Stück durchlächeln müssen.» lautet ein anderes Zitat von Duex. Mehr von seinen Weisheiten und Statements rund um's Festival gibt's hier – auch lesenswert; wer ihm nicht schon mal lauschen konnte.

Cool, aber nicht aufgesetzt, fröhlich aber nicht zwingend, immer freundlich und zuvorkommend, bescheiden und glücklich:
In einem Umfeld unter diesen Vorzeichen, gelebt vom Chef, fühlt man sich einfach nur wohl und soll doch bitte ein Stück dieser Anständigkeit und Zufriedenheit von der Insel zurück an's Festland mitnehmen!

Noch mal Glück gehabt und den Hinweis am Bahnhof erst bei der Abreise mit dem ersten Zug am Sonntagmorgen entdeckt... Eigentlich sollte da eher ein Warnhinweis vor mehr Lebensfreude stehen!
VERÖFFENTLICHT 08.06.2016
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Kommentare (02)

Rageto (39) 10.06.2016

@Jonas: yeah, soo viele schöne gigs, hab einfach mal ein paar rausgepickt...danke für's erwähnen - auch ein easy bandname, bescheiden und doch gross auf der bühne!


Anonym
Anonym
Jonas
08.06.2016

Schön wars...wie immer. Mein Highlight neben Savages und Floating Point waren 'Minor Victories'.

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