«Lasst sie liegen, wenn sie unter Lawinen sind!»

MitbürgerInnen ereifern sich in der Debatte rund um den «Club» vom SRF und fordern äusserst unanständige Konsequenzen bei allfälligen Lawinenunfällen von Snowboardern.
Alle kennen ihn, den «Weissen Rausch», vom SAC Experten bis zum Freestyler: Pulverschnee ist einzigartig, auch seine Gefahr, die von Meter zu Meter ändern kann! FS3 nosebone von Kesti by David Birri

Es kann schnell zur zweifelhaften Ehre werden, wenn man – zu einer Diskussionsrunde im staatlichen TV eingeladen – sich als entspannter, doch bewusster Freerider outet, der sich jenseits der Grundregeln bezüglich Lawinensicherheit für Backcountrybeginner bewegt.

Leben ist tödlich, nicht nur im Schnee

Die Sucht nach dem weissen Pulver

Hier muss ich niemandem lange erklären, warum man als Snowboarder konstant auf der Suche nach Pow ist. Die Möglichkeiten in diesem unvergleichlichen Naturgut sind einfach nicht zu toppen und die Gelegenheiten, dieses zu geniessen, sind rar. Sprünge lassen sich nicht sanfter Landen als offpiste und auch wenn mal 'was schief gehen sollte, werden einem Stürze meist grosszügig verziehen. Drops, Speed, Sprays und schier schwereloses Floaten lassen einen die Alltagssorgen vergessen und bieten schon rein physikalisch gesehen äusserst interessante Möglichkeiten. Dabei ist wie angedeutet das Verletzungsrisiko enorm gering, vor allem verglichen mit ähnlichen Herausforderungen wie dem Biken oder in der mehr alpin orientierten Richtung gesehen das Bergsteigen. Letzteres finde ich persönlich richtig scetchy, da man Steinschlag wohl noch weniger voraussehen kann und Unfälle in richtig exponierten Wänden praktisch immer verheerende Folgen haben.

Doch möchte ich nun eigentlich nicht die von mir aus gesehen allesamt sinnvollen Outdoorhobbys gegeneinander aus- oder die Lawinengefahr herunterspielen. Fakt ist, dass wir uns als Snowboarder – egal ob auf oder neben der Piste – gewissen Gefahren aussetzen, doch dies nicht umsonst und kaum jemals leichtsinnig.

Sonne tanken vor einer Woche auf Tour mit Luki Blaser. Der Einstieg in's schattige Couli im Hintergrung war uns zu risky, so haben wir entspannt Umkehrt gemacht und sind im weniger attraktiven Schnee abgefahren.
Gesunde Freizeitbeschäftigungen

Es muss absolut nicht sein, doch ist nach Statistik und aus Erfahrung leicht möglich, dass sich vorwiegend übergewichtige, gelangweilte und ignorante Menschen mit kläglichen Vorwürfen in Kommentaren zu solchen Beiträgen auslassen. Auch wenn das Interview für ein solch komplexes Thema viel zu knapp ausgefallen ist und auch bewusst provokativ wirken soll, so war es für mich doch wieder erstaunlich, welche Bilder sich gewisse Zeitgenossen von Menschen wie mir in der Fantasie zeichnen – und wie easy sie mir im Worst Case eine allfällig nötige Rettung verwehren möchten.

Auch als langjähriger Nichtraucher würde ich einem Patienten mit Lungenkrebs eine lebensverlängernde Operation gönnen mögen und wenn sich nun halt jemand mit einem unnatürlichen Essverhalten seinen Kreislauf foult, dann kann man trotzdem nach einem Herzinfarkt noch mal ein paar Maschinen starten und – seinen/ ihren Liebsten zuliebe – einen Puls zum schlagen bringen.

Weiter gedacht versuche ich bewusst durch ein möglichst umweltverträgliches Leben auch meine Mitmenschen vor üblen Konsequenzen eines zu raschen Klimawandels zu verschonen, wobei mir eben grad das ach so böse Freeriden viel gelehrt hat, mich bescheiden und bewusst zu bewegen.

Natürlich möchte ich mit meinen Abenteuern nicht andere Menschen, wie potenzielle Retter, gefährden und würde dies gegebenenfalls sicher nicht bewusst stattfinden!

Luki hits the Magic – es dreht sich lange nicht alles immer um steile, gefährliche Hänge – wir hatten auch beim Plan B der oben erwähnten Tour Spass und für Geist und Körper etwas gutes getan.
Absolute Sicherheit vs. potenzielles Risiko

Ja, es gibt hundert Prozent sichere Varianten, auch bei (vermeintlich) «grosser Lawinengefahr»! Eines meiner Statements, dass von den Medien herausgehoben und undifferenziert interpretiert worden ist, heisst:

Ich fahre neben den Pisten, selbst bei grosser Lawinengefahr."

Die wenigen Male – wenn überhaupt – in der Saison, wo effektiv die zweitgrösste Gefahrenstufe im Bulletin angekündet wird, bleibe ich nicht zwingend den Bergen fern oder begnüge mich mit Pisten, true story.

Doch heisst dies noch lange nicht, dass ich mich damit effektiv in grosse Gefahr begebe! Der Lawinenlagebericht kann nur grob die lokale Gefahrenstufe in den heikelsten Passagen und meist ab einer gewissen Höhe einzuschätzen versuchen und bewegt sich dabei natürlich vorzugsweise auf der sicheren Seite. Dass heisst, dass unterhalb der allenfalls genannten Höhengrenze die Gefahr um mindestens eine Stufe tiefer liegt. Und wenn sich jemand befähigt fühlt, gewisse Zeichen und Voraussetzungen bei der Linienwahl zu berücksichtigen, sprich die – für Kenner – offensichtlichen und im Text genannten Gefahrenstellen zu umgehen, dann darf man doch auch mit einem gewissen «Bonus» rechnen.
Dies nur einfach mal kurz zur Erklärung, warum ich mich so auf die Äste heraus gelassen habe: Es nervt mit der Zeit wie Sau, wenn man immer gemahnt wird – ob von Mama (die hat noch den Mutterinstinktbonus) oder unwissenden Passanten am Bahnhof oder im Gebiet – dass man eben unter keinen Umständen die Pisten verlassen soll, wie vielleicht die Wetterfrösche in der Sendung «Meteo» gesagt haben...

Für mich persönlich ist ein Statement jedenfalls wichtiger:

Lieber einmal mehr auf den Berg gehen, als unter der Nebeldecke depressiv zu werden!"

Jep meine Lieben, ihr habt ein mehr oder weniger sinnvolles Hobby gefunden, müsst nicht – wie in der TV Werbung angepriesen – Sonnenmangel mit Vitamin D aus der Pillendose kompensieren, seid überdurchschnittlich fit, dies vielleicht auch gar geistig. Wer sich bewusst bewegt und im richtigen Moment fähig ist, rationale Entscheidungen zu treffen – wenn nötig auch mal zu verzichten – der oder die kann dies vielleicht auf andere Situationen im Leben übertragen und darf sich glücklich schätzen. Freerider sind tendenziell gute, zufriedene Menschen, die es kaum nötig haben, andere niveaulos zu dissen!

Wie schon im Beitrag zur SUVA erläutert, darf nicht an unserem hart erkämpften Solidaritätsprinzip von Krankenkassen etc. gerüttelt werden! Doch leider ist da bereits wieder in einem aktuellen Fall von einem Biker anders geurteilt worden, was mich sehr nachdenklich stimmt... (Ironischerweise öffnete sich unter dem Bericht im Link grad eine Diät-Werbung)

Die Sendung Club im SRF war schlussendlich ein wenig lame, doch dies eigentlich nur, weil sich alle Anwesenden einig waren, dass die Lawinengefahr nicht nur gelegentlich unter-, sondern – von weitem gesehen – oft auch überschätzt wird. An dieser Stelle möchte ich noch einmal ganz klar betonen, dass sich Wintersportler möglichst gut ausrüsten, vorbereiten und deutlich mehr Wissen aneignen sollten, ohne mehr Risiken auf sich zu nehmen. Natürlich passiert eh noch zuviel, ist jeder Verlust eines Menschen unbeschreiblich schwer, doch teils auch vermeidbar!

Also ich will auf keinen Fall zu mehr Risikobereitschaft animieren, im Gegenteil:
Werner Munter for President – nehmt euch seine Ratschläge zu Herzen und studiert statt Zeitungen mit (zu) grossen Buchstaben lieber sein grossartiges Lebenswerk zum Thema Risikomanagement im Wintersport, ich hoffe Whiterisk kennt mittlerweile JedeR von euch und dass die App auch regelmässig gebraucht wird für's Checken vom Lawinenbulletin etc.
Geniesst den Winter weiterhin, lasst euch nicht abschrecken von ignoranten Besserwissern, doch – wenn's dann nötig ist – lasst euch von den furchtbaren Ereignissen einmal mehr vor Augen führen, wie auch vermeintlich gut ausgebildete Leute sich immer wieder mal in falscher Sicherheit wähnen, mit tödlichen Konsequenzen, die wir niemandem gönnen mögen sollten.

VERÖFFENTLICHT 14.02.2015
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Kommentare (03)

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roman
16.02.2015

@Niki auch amen. Die ganze Diskussion ist doch eh leidig...

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Tinu
16.02.2015

Amen! :-)

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Niki
16.02.2015

Leichtsinn ist, wenn man die Schwierigkeit mit der Gefahr verwechselt. Ein Risikomanagement in jeder Lebenslage ist wichtig und gesund. Die wenigsten der Extremsportler sind Lebensmüde. Im Gegenteil. Perspektivlosigkeit und Langeweile ist der Todfeind.

http://www.outdoorniki.ch/blog/2015/01/31/risiko-ist-ein-menschenrecht/

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