Die Kunst des Zen im Schnee

Zensnow ist mehr als eine Custom Board Produktion.
Bescheiden und trotzdem mit Wucht kommen die Zen-Piloten daher geschossen.
Ein Resultat der einzigartigen Berner Oberländer Snowboardszene

Den Bernern wird ja bekanntlich nachgesagt, dass sie alles ein wenig langsamer angehen würden, was sich vor allem über die Sprache ausdrückt. Ich persönlich habe dies immer als «gemütlich» ausgelegt, vielleicht einfach auch überlegter und schlussendlich nachhaltiger. Wenn man den Oberländern dann aber in ihren Bergen zu folgen versucht, merkt man sofort, dass das allgemeine Vorurteil auf ihr Snowboarden übertragen nur teilweise stimmt. Die Meiringer Locals, resp. «Natives» z.B. sind durchschnittlich im Backcountry schneller unterwegs, als alle anderen Kollegenkreise, die ich kenne, was wohl in ihrer Philosophie und nicht zuletzt auch im Material begründet ist, welches sie mit Zen-Meister Reto Neiger entwickeln und bauen. Mit ihm über Snowboarden und Bretter zu philosophieren, grenzt zwar fast an Meditation, da man sich von eigenen Gedanken löst und in eine neue Welt eintaucht, doch verlässt man dabei nie die Realität, was die Möglichkeit einer Religion ausschliesst.
Dass aber Snowboarden schier heilig ist im Haslital und der Jungfrauregion, widerspiegelt sich in einer bald 30 jährigen, sehr gesunden und aktiven Szene.

Das Schöne hier ist, dass man auch noch die absoluten Pioniere wie Gino Crivelli – der in Meiringen den ersten, reinen Sk8- und Snowboardshop weitherum betrieben und schon mitte 80er Jahre mit Kollegen an eigenen Boards getüftelt hat – immer noch am Berg antrifft. Ebenso Pascal Imhof, der in seinem Leben kaum einen Powdertag in Grindelwald verpasst hat, aber auch als Pro und Judge um die Welt gereist und so beruflich viel auf dem Brett gestanden ist. Weitere Aushängeschilder der Szene, wie Alex Rufibach, haben dank Funpark – wo z.B. MBM's «Monster Sessions» etc. abgehalten wurden – und dem Dedicated-Project den Hasliberg international bekannt machen können und setzen sich nach wie vor sehr aktiv für eine starke Freestyleszene vor Ort ein. Jüngste Errungenschaft ist die frisch eingeweihte SK8halle in Meiringen, eine geschmeidiger Spielplatz aus purem Holz ergänzt mit wenig Metall!
Alle die oben genannten, erfahrenen Rider, so wie begabte Filmer und Fotografen, helfen am eindrücklichen Projekt Zensnow mit – von der Entwicklung einzigartiger Custom Boards, über deren dezente Vermarktung via Bilder etc. bis zu «Handlangerarbeiten» usw. – welches sehr wichtig ist für den Zusammenhalt und die Lebendigkeit der BeO-Szene. Bisher hat damit niemand Geld verdient, Reto ist auf Fronarbeit geduldiger Helfer angewiesen, investiert den Erlös von Verkäufen sofort wieder in neues Rohmaterial oder kriegt, wenn dies nicht reicht, auch mal Kredit von Freunden, damit er bauen, tüfteln und sich, resp. seine Produkte weiter entwickeln kann.

Massarbeit im Berner Oberland, nahe den Spots, wo die Boards höchsten Anforderungen standhalten müssen.
Ein Board für alles, das Geschichte schreibt

Auch wenn es «nur» die eigene Geschichte ist, so soll diese doch höchst persönlich und intensiv, ein Brett genau auf die Bedürfnisse des Riders abgestimmt sein und diesem sehr lange treu dienen können in allen erdenklichen Situation...
Neiger ist nicht einfach ein ewiggestriger, der die Revolution der Rockerboards verschlafen hat oder sich grundsätzlich gegen Neues sträubt. Im Gegenteil, er hat schon immer sein perfektes Board gesucht und nur annähernd in der Industrie gefunden, dessen Produktion wurde aber durch den neuen Fokus vieler Marken in den letzten Jahren verdrängt und für ihn war somit definitiv klar, dass er die Sache wortwörtlich selbst in die Hand nehmen musste. Dies tat er auch mit Erfolg und heute hat er zahlreiche Kunden, welche auf dem Markt der raren Camber Boards nicht mehr die Masse und befriedigenden Eigenschaften finden, die ihr Fahrstil verlangt. Der «Chefkoch» bemüht sich, Seitwärtsgleiter zu backen, die in jedem Gelände und bei verschiedensten Schneeverhältnissen funktionieren sollen und setzt deshalb grundsätzlich auf bescheidenen Vorspann, da man ohne diesen kein zuverlässiges Werkzeug hat, um harte Pisten und Parks angemessen zu bearbeiten.

Dass das im Pow angestrebte Floaten nur mit ausreichend Speed zu erreichen und viel Tempo eine unerlässliche Zutat im Rezept zum Höchsten aller Gefühle ist, setzt er voraus. Seine Waffen, die im Design als Pfeil interpretiert werden können, sollen durch viel Stabilität ihr Ziel kompromisslos erreichen, sich aber durch's Gelände leiten lassen und einem natürlichen Weg – oft gespickt mit interessanten Hindernissen – ohne viel Nachdenken, dafür mit umso mehr Style und Flow folgen. Seine Philosophien sind ebenso ansprechend, wie anspruchsvoll in der Umsetzung, Balsam für jedes Soulriderherz und Inspiration für jeden Snowboarder bis zum Pro.
Wenn er Bretter vorwiegend auf persönliche Bestellung baut, dann tut er dies vor allem, weil er die Leute kennen will, die sein Handwerk unter die Füsse kriegen. Je genauer man Reto Neiger als Kunde seinen eigenen Fahrstil erklären kann – auch gerne mit ein paar bewegten Bildern zeigen – desto präziser wird er mit Carbonstreifen und entsprechendem Mass an Fiberglas die prioritär gewünschte Funktion im Aufbau ansteuern können. Mal wird eine weichere Nose gefragt, die gemütlicheren Piloten hilft, im weichen Schnee anzugleiten, andere bestehen auf radikale, steife Boards, die auch bei Highspeed möglichst flach auf dem Schnee liegen und nicht durch zu starke Aufbiegung Bremseffekte bewirken.
Dieses genaue Abstimmen und die feine Handarbeit haben ihren Preis, doch werden auch leicht dickere Beläge und breitere Kanten verbaut, damit die Unikate möglichst langlebig sind, oft geschliffen werden können und nicht nach dem ersten härteren Kontak mit einem Stein dahin sind. Schäden an Boards sollen dann auch zurück zur Reparatur gebracht werden – Zensnow will mehr als wahrscheinlich jeder andere Brand nicht Quantität, sondern beste Qualität verkaufen aus einem äusserst ehrlichen und sympathischen Betrieb.

Xöidi Rufibach mit viel Pop und Style aus einem Pillow fliegend, welches sich in seinem Run angeboten hat.
Soziales Engagement

Der ausgebildete Sozialpädagoge Neiger bietet im Sommer auch Workshops an, wo speziell interessierte Kunden den Bau ihres Boards begleiten und mitgestalten können – er lässt sich gerne über die Schultern schauen und will, dass sich die Käufer mit dem Inhalt ihres erworbenen Stücks auseinandersetzen und wissen, warum sie sich in Zukunft genau dieses und nicht eine Serienproduktion anstrappen. Er hat auch schon mit sozial schwach integrierten Kids in seiner Werkstatt in Interlaken gearbeitet, die er mit seiner Berufserfahrung zu begeistern versteht.
Doch nicht nur solchen kann er Snowboarden schmackhaft machen, er weiss sämtliche Altersgruppen und Leute verschiedenster Schichten und Herkunft zu überzeugen, dass Snowboarden einem Menschen helfen kann, sich zu befreien von Alltagssorgen und durch intensives Riding einen Zustand zu erlangen, den Philosophen und Spirituelle Leute oft vergeben zu erreichen versuchten. Seine Boards sind also mehr als einfache Sportgeräte, sondern quasi Sprung-Bretter in Momente der absoluten Glückseligkeit, die absolut transparent, lokal und massgeschneidert hergestellt werden.
Menschen, welche so überzeugt und unermüdlich an Produkten, resp. eben umfangreicheren Projekten arbeiten, sollten dafür auch belohnt werden – ich hoffe sehr, dass Reto Neiger und vielleicht sogar ein Teil seiner starken Crew mal von ihrem grossen Einsatz leben oder sich zuindest mal ein Firmenweihnachtsessen gönnen können, auch wenn dies wohl nicht das erste ist, was sie anstreben...

Break on through, to the other side

Unten kannst du dich noch in laufenden Bildbeweisen überzeugen, wie gut die Camber Boards im Pow funktionieren und mit wieviel Flow die Macher ihre Produkte selbst attakieren und geniessen. Dabei finden sie nicht nur ihr persönliches Zen, sondern sammeln im Unterbewusstsein wichtige Erfahrungen, welche auch dir die Tür zu einem neuen Riding und Bewusstsein aufstossen könnten.

www.zensnow.com

VERÖFFENTLICHT 19.12.2013
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Kommentare (01)

Anonym
Anonym
Martin Moser
21.12.2013

Cooler und interessanter Artikel! Der Film sieht auch schön aus. Hoffe dass sie das Projekt noch weitere Jahre flasht und sie ihre Ideen so umsetzen können.

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