Auf ein Wort mit – Jeremy Jones

Im Vorfeld der Higher Premiere erzählt uns Jeremy Jones weshalb er die Schweiz mag und was er sich zu Weihnachten wünscht!

Letzten Freitag luden O’Neill und die Freeride Legende Jeremy Jones zum finalen Akt der Big-Mountain Trilogie Higher ins Corso in Zürich. Was da geboten wurde, war astreines Kino und erzählt die Geschichte von Jeremy’s erstem Board mit Kanten, für das er Prügel seiner Brüder einstecken musste, bis zum Snowboarden auf dem Dach der Welt, wo der fröhliche Sherpa über die Idee, auf einem Brett eine senkrechte Eiswand runterzurutschen, nur lachen konnte. Ein toll abgerundeter Abend mit der Afterparty im Mascotte, wo die bärtigen Flanellhemdträger mal ausnahmsweise keine Hipster waren.

Vor dem Spektakel geniesst jedoch auch eine Legende gern die Sonne am See und beantwortete uns dabei exklusiv ein paar Fragen:

Jeremy's Unterschrift macht Frauen glücklich. Foto: michael donadel | mikadoformat.com

Hallo Jeremy, herzlich willkommen in der Schweiz! Wie gefällt es dir hier bei uns?
Ich liebe die Schweiz, auch wenn ich nicht ganz verstehe, wieso man hier ein schönes Stadtbild mit «Kunst» versaut (Anm. d. Red: Er war etwas irritiert vom Hafenkran in Zürich). Ich komme jedes Jahr ungefähr eine Woche in die Schweiz um zu shredden. Wenn es einen Ort auf der Welt gibt, den ich unter perfekten Bedingungen, mit Powder bis in den Talboden am liebsten fahre, dann sind es die Alpen. Eure Liftinfrastruktur ist der Hammer und so gerne ich das hiken mag, wenn ich unter dem Sessellift powdern kann, dann geh ich unter dem Sessellift powdern!

Du bringst uns deinen dritten und letzten Film der Trilogie Deeper, Further, Higher mit. Wie fühlt es sich an nach sechs Jahren dieses finale Kapitel abzuschliessen?

Als ich das Projekt startete fand ich den Gedanken, dass ich nun drei Filme drehen werde ziemlich einschüchternd. Also fokussierte ich mich jeweils nur auf den einen Trip und den einen Film an dem wir gerade drehten. Trotzdem war ich mir nach der Fertigstellung jedes Films nicht sicher, ob ich noch einen drehen will. Im Endeffekt bin ich aber überglücklich, dass ich es durchgezogen habe und bin stolz auf jeden der drei Filme und die Tatsache, dass ich mich mit jedem Film weiterentwickeln konnte.

Ist noch ziemlich schwierig wenn man bereits einer der besten Big-Mountain-Fahrer der Welt ist. Was genau verstehst du darunter?

Ich konnte mich dauernd sowohl als Filmmacher, wie auch als Fahrer weiterentwickeln. Es gab in jedem Film den Zeitpunkt, an dem ich spürte, dass ich keine Sekunde früher in meinem Leben hätte an diesen Ort gehen können. Dass ich Alles was ich bis dahin gelernt hatte brauchte, um den einen Moment, auf dem einen Berg, zu genau der Zeit zu erleben.

Ich war schon immer auf der Suche nach diesem Gefühl, aber als ich begann zu Fuss zu gehen wurde die Lernkurve so steil, dass sich dieses Gefühl permanent einstellte, über die ganzen sechs Jahre in denen wir Deeper, Further und Higher gedreht haben.

Wenn wir grad von steil sprechen: In Higher hast du dich aufgemacht um im Himalaya neue Lines zu suchen. Abgesehen davon, dass es an sich schon eine ziemlich unkomfortable Gegend für entspanntes Freeriden ist, was war die grosse Herausforderung, die dich an diesem Trip reizte?
Hmm ich denke nur schon der Gedanke an das Risiko, dass wir mit diesem Abenteuer eingingen. Der ganze Film Higher besteht aus zwei grossen Trips und ich wusste, dass eine ziemlich grosse Chance besteht, dass ich im Himalaya keinen einzigen Turn in den Schnee setze.

Die grösste Herausforderung war somit, dieses Glücksspiel überhaupt zu wagen. All-in zu gehen und mental darauf vorbereitet zu sein, dass sich der riesige Aufwand nicht auszahlen könnte. In meiner ganzen vergangenen Karriere wäre ich dieses Mass an Risiko nie eingegangen, in ein Gebiet vorzudringen, dass ich nicht kannte und über dessen vorherrschenden Schneebedingungen ich so wenige Informationen hatte. Mittlerweile fühle ich mich aber total wohl beim Gedanken, eine Tonne an Ressourcen in ein Projekt zu stecken auch wenn es am Schluss nicht so funktioniert, wie ich mir das vorgestellt habe.

Gian & Jeremy. Foto: michael donadel | mikadoformat.com
Was denkst du, wenn du im Himalaya oben an einer 65° steilen Wand stehst die du fahren willst? Hast du nie Angst?

Wenn ich in die Berge gehe schaue ich mich immer nach Gründen um umzukehren. Je länger der Tag dauert, je weiter meine Mission fortgeschritten ist, desto grösser wird die Chance, dass ich umkehre. Wenn ich auf dem Gipfel stehe und ein mieses Gefühl im Magen habe, dann fahr ich die Line nicht. Man sollte unbedingt auf diese Gefühle achten. Klar ist immer eine gewisse Angst im Spiel, aber sobald ich mich entschieden habe etwas zu machen und das Gefühl stimmt, dann habe ich diese Angst in Selbstvertrauen verwandelt und schätze das eingegangene Risiko als tragbar ein. Alles was ich dann fühle ist diese totale Fokussierung und die Intensität des Moments am Start einer Line, die ich noch nie gefahren bin. Es ist wirklich wichtig nicht mit dem Gedanken – Ich werde das heute um jeden Preis der Welt fahren – in die Berge zu gehen, sondern mit der Einstellung – Vielleicht ist heute DER Tag, sehen wir uns das mal genauer an.

From the second we were dropped off by the plane in Alaska for my first Deeper Trip, I didn't think about helicopters anymore. All I thought was just: This is awesome, this is the coolest thing I've ever done in my life!"— Jeremy Jones
Mit deinem Status als Snowboard-Pro könntest du jederzeit einen Heli nehmen der dich auf dem Berg absetzt. Weshalb kamst du überhaupt auf die Idee, die letzten sechs Jahre die Helikopter in der Garage zu lassen und dein Leben dem Splitboard zu widmen?

So bequem Helis und Snowmobiles sind, sie haben eine begrenzte Reichweite. Indem ich begann zu Fuss zu gehen eröffnete ich mir neunzig Prozent mehr Terrain. Und mit der Zeit realisierte ich auch, wie viel Spass mir das ganze macht, im Winter draussen zu campen und die Lines zu hiken. Vor ein paar Jahren, als ich mit Travis «That’s it That’s All» filmte war ich zwei Monate in Alaska und filmte in diesem Winter fünf Videoparts, alle mit dem Helikopter. Als ich am Ende des Winters zurückblickte, musste ich jedoch feststellen, dass das Hiken eines Couloirs in meiner Homerange mein absolutes Highlight war. Ich wollte mehr davon und hatte mental bereits damals den Schritt weg von den Helikoptern gemacht. Aber ich konnte die Firmen noch nicht davon überzeugen den Schritt mit mir zu gehen.

Und dann gibt es natürlich den ökologischen Aspekt. Ich versuche so gut es geht meine Auswirkungen auf die Umwelt zu reduzieren und das betrifft auch das Snowboarden. Wenn ich es aber nicht lieben würde diese Lines zu hiken, würde ich es nicht tun. Du kannst nicht da Draussen sein und denken – Wie gern hätte ich jetzt einen Heli, aber ist leider schlecht für die Umwelt. Du musst es aus voller Überzeugung tun – Das ist das coolste auf der ganzen Welt und genau das, was ich machen will. In der Sekunde als uns das Flugzeug während dem ersten Deeper Trip auf dem Gletscher in Alaska absetzte hatte ich den Gedanken an Helikopter verloren und dachte nur noch – Das ist der Wahnsinn, das ist das coolste was ich je in meinem Leben gemacht habe!.

Dann sind für dich die gehikten Lines etwas Spezielleres, als die, welche du mit dem Heli gefahren bist?

Absolut! Die Lines, welche ich zuerst hochklettern muss brennen sich in mein Gedächtnis ein und werden Teil meines Lebens. Ich gebe förmlich einen Teil meiner Lebenszeit um diese Lines zu fahren, anstatt mich mal schnell oben absetzen zu lassen.

Zu gewinnen gabs auch was. Da hat auch der Gian Fun! Foto: michael donadel | mikadoformat.com
Spätestens seit der Gründung von POW (Protect our Winters) wissen die Leute, dass du dich aktiv für das Klima einsetzt. Was macht dir als Snowboard-Pro am meisten Sorgen, wenn du an die globale Erwärmung denkst?

Am meisten Sorgen machen mir die Wetterextreme. Ich habe das Gefühl, seit einiger Zeit gibt es so etwas wie einen Durchschnittswinter nicht mehr. Entweder hast du den besten Winter deines Lebens oder den miesesten. Bei mir Zuhause hatten wir die letzten beiden Jahre im Oktober mehr Schnee als im Dezember, Januar und Februar zusammen. Ich glaube sogar, wir hatten mehr Schnee im Juni als im Januar. Man sieht auch immer häufiger total verrückte Schneeschichtungen, die von einer Lawinenperspektive so noch nie da gewesen sind, speziell auch in Alaska, was für seine stabile Schneedecke bekannt war. Das ist irgendwie schon beängstigend!

Wohin wird uns deiner Meinung nach die Zukunft des Big-Mountain Snowboardens führen?

Was mich angeht wird mein Fokus weiterhin auf dem Stil Snowboarden liegen, den ihr in den letzten drei Filmen gesehen habt und ich hoffe natürlich, dass andere Fahrer mir folgen. Es ist doch total cool, dass man so kein riesiges Reisebudget mehr braucht um in der Snowboardwelt etwas zu bewegen.

Leider ist es momentan noch sehr hart ohne ein Helibudget einen preisträchtigen Part im Backcountry zu filmen. Deshalb hoffe ich, dass die Medien in Zukunft dem «Human-Powered Snowboarding» die erforderliche Wertschätzung entgegenbringen, Sobald das der Fall ist gibt es plötzlich viel mehr Möglichkeiten um sich einen Namen im Snowboarden zu machen. Deshalb freut es mich, wenn ich jungen Fahrern mit Splitboards im Backcountry begegne. Ohne Verträge und Ressourcen musst du kreativ sein. Ein 20-jähriger kann sich zwar einen Truck und ein Schneemobil kaufen und nach Whistler ziehen. Aber ist er einmal da, wird er mit der Tatsache konfrontiert, dass alles schon gefahren wurde und das auf einem sehr hohen Level. Mit dem Splitboard ändern sich die Regeln und es stehen plötzlich neue Spielplätze zu Verfügung, die man entdecken kann. Ich denke diese neuen Spielplätze zu finden und zu fahren ist die Zukunft des Freeridens.

War es dein ursprüngliches Ziel mit den Filmen das Big-Mountain-Snowboarden in diese Richtung zu steuern?

Ich wollte den Leuten zeigen, dass man Weltklasse-Lines zu Fuss fahren kann und man kein riesiges Budget benötigt. Das coole ist, dass ich das gar nicht mehr erwähnen muss. Nach dem dritten Film ist das Allen definitiv klar. Ich denke Filme haben einen grossen Einfluss darauf wie sich die Industrie entwickelt, aber mir allein gebührt der Ruhm nicht. Es gab in den letzten Jahren riesige Fortschritte beim Equipment und viele andere Leute, die die Möglichkeiten des Splitboardens aufzeigten. Sie alle sind Teil einer Bewegung, die sowieso bereits im Aufbruch war und ich denke mit meinen Filmen konnte ich diesen Vormarsch noch etwas beschleunigen.

100 Punkte für jene, die den intressierten Herrn hier kennen! Foto: michael donadel | mikadoformat.com
Du bist mit Jones-Snowboards an vorderster Front mit dabei, dass es uns auch in Zukunft nicht an genialem Material mangeln wird. Auf was können wir uns da freuen?

Auf jeden Fall auf neues, innovatives Material! Was ich am meisten daran liebe meine eigenen Snowboards herzustellen, ist die Möglichkeit die Technologie permanent zu pushen und innovativ zu sein, um unser Material immer noch ein bisschen besser zu machen und uns nicht auf den Lorbeeren auszuruhen. So ist beispielsweise nur schon unser Testbudget achtzig Prozent höher als das Marketingbudget und solange die Leute Jones-Snowboards unterstützen, wird sich dieses Entwicklungsbudget weiter steigern was bedeutet, wir versorgen euch mit immer cooleren Produkten. Ihr Schweizer unterstützt uns unglaublich und ich fühle mich geehrt, wenn ich in den Schweizer Bergen unterwegs bin und Leute mit Jones Brettern an den Füssen sehe. Danke dafür!

Bald ist Weihnachten. Gibt es für dich überhaupt noch einen Snowboard-Wunsch den du dir erfüllen möchtest?

Da müsste ich mich entscheiden und das ist sehr schwierig. Jedesmal wenn ich von einem neuen Ort nach Hause komme, denke ich – Ich muss dahin zurück, da gibt es noch zehn weitere Lines, die ich fahren will. Es gibt da keinen bestimmten Ort, weil es so Vieles da draussen gibt was man noch fahren kann. Oben in der Arktis, unten in der Antarktis, in China oder im Himalaya, ich denke wir haben erst an der Oberfläche des machbaren gekratzt. Sogar in Alaska gibt es noch so viele unerforschte Gebirgszüge in denen bisher nur sehr wenig oder gar nicht gesnowboardet wurde. Ich gehe seit zwanzig Jahren dorthin, war in acht verschiedenen Regionen und habe immer noch das Gefühl, dass es riesige Gebiete gibt die weder ich noch viele andere Leute bisher zu Gesicht bekommen haben. Wünsche und Projekte habe ich also noch mehr als genug!

Herzlichen Dank Jeremy Jones für das grossartige Interiew und deine inspirierenden Worte. Hoffentlich bis bald irgendwo im Schweizer Pow!

Grosses Kino. Foto: michael donadel | mikadoformat.com
VERÖFFENTLICHT 31.10.2014
SHARE ME…

Kommentare (01)

Anonym
Anonym
PNW
31.10.2014

Josh Dirksen .)

Was denkst du?

Weitere Beiträge